Erziehung

BUCHTIPP "Verstehen Sie Hund?"

von der Tierpsychologin und Ethologin Martina Braun

Jeder Hund ist pures Gold. Goldschürfer müssen Sachkenntnis, Hartnäckigkeit und Geduld haben, wenn sie Erfolg haben und "Nuggets", also echte Goldstücke finden wollen. Und wer ein Goldstück von einem wohlerzogenen, glücklichen Hund an seiner Seite haben möchte, steht vor einem ähnlichen Abenteuer. Ein Crashkurs in Tierpsychologie erschienen im Cadmos Verlag.

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ERZIEHUNGSHINWEISE für den Alltagwelpen 210608 5

Jeder Hund braucht Regeln um sich im Alltag zurecht zu finden, zu wissen was getan werden darf und was unterlassen werden sollte. Fehlen solche klare und konsequente Regeln, ist der Aufstand des Hundes nicht weit entfernt. 

Weiterlesen: Wichtige Erziehungshinweise

Goldene Regeln

Allgemeines

Denkt daran, dass nicht alle Menschen die gleiche Beziehung wie ihr zu Vierbeinern haben - einige fürchten sich vor Hunden, wie andere vor Spinnen. Es muss aber nicht Furcht sein, es kann einfach eine unbegründete Antipathie sein, aber auch Ärger über Gebell oder liegengelassenen Hundekot.
Akzeptiere diese Haltung und versuche, selbst keinen Anstoss zu erregen.

Artgerechte Haltung

Genügend Bewegung gehört zu Regel Nummer 1, wenn wir von einer artgerechten Haltung reden wollen. Die Dauer ist rassenspezifisch und altersabhängig.
Auch hier zahlt es sich für den Hund aus, wenn er eine gute Erziehung genossen hat, denn er kann (ausserhalb der Leinenpflicht) meist unangeleint spazieren gehen und geniesst daher viel mehr Freiraum.
Auch eine möglichst konstante Teilnahme am Familienleben ist für den Hund bedeutend schöner als Rudeltier, als eingesperrt in einem Zwinger.
Kommuniziert täglich möglichst viel mit dem Hund und lasst ihn wissen, dass er zu euch gehört, aber sich an gewisse Regeln halten muss.

Merke: wenn man mit Bekannten spazieren geht, kommunizieren wir die meiste Zeit NICHT mit dem Hund.

Macht euren Hund glücklich und beschäftigt ihn sinnvoll. Die meisten Hunde, welche Probleme im Alltag machen, sind unterbeschäftigt. Eigentlich ist es nicht einmal wichtig, was ihr mit ihm tut. Vielmehr ist wichtig, dass ihr was tut!!!! Spaziergänge mit gemeinsamen Erkundungen, Agility, Obedience, Dog Dance....egal, macht etwas mit ihm.

Wissen über Hund und Alltag

Leider hat man festgestellt, dass über 75% der Hundehalter signifikante Wissensmängel über Haltung, Regeln und öffentlichen Pflichten haben.  Die Auswirkungen im Zusammenleben von Mensch und Hund ist erschreckend. Die Presse zeigt uns dies zur Zeit fast täglich auf. Eigentlich müsste dies nicht sein, denn einerseits gibt es im Buchhandel immer mehr gute Bücher und anderseits immer bessere Hundeschulen und auch Vereine, welche Zzitgemässes Wissen vermitteln und den richtigen Umgang mit dem Hund im Alltag erklären und lernen.
Die richtige Wahl des Hundes: Überprüfen Sie genau, welche Rasse Sie anschaffen wollen. Verfolgen Sie bestimmte Ziele mit Ihrem zukünftigen Hund? Sind Sie sich den Vor- und Nachteile bewusst? Treffen Sie nicht die Wahl ihres Hundes, indem Sie sich von Ihren Gefühlen überwältigen lassen. Je genauer Sie sich vorweg informieren und wissen, wo Ihre Wünsche sind, desto weniger ist die Gefahr, dass Sie die falsche Wahl getroffen haben.

Leinenpflicht

Das Gesetz schreibt vor, dass Hunde u.a. in schützenswerten Grünflächen (wie Naturschutzgebiete), allen Schulhausanlagen, Parks, Gaststätten und auf verkehrsreichen Strassen an der Leine zu führen sind. Auf Friedhöfen sind Hunde generell verboten. Die Jagdgesetze in den meisten Kantonen schreiben vor, dass Hunde im Wald beaufsichtigt sein müssen d.h. der Hund muss unter allen Umständen sofort abrufbar sein und darf sich höchsten 20- 30 Meter von seinem Hundeführer entfernen. Jagdaufseher dürfen übrigens nur im Wiederholungsfall frei laufende Hunde abschiessen.
Wichtig:
Nicht alle Gemeinden haben Leinenpflicht in der Brut- und Setzzeit vom 1. April – 31. Juli, sondern durch das ganze Jahr. Informiert euch also, wenn ihr euer vertrautes Gebiet verlässt, denn Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!

Begegnungen mit anderen Hunden

Hundebegegnungen zwischen zwei und mehr Hunden können fröhlich, aber auch voller Stress für alle Zwei- und Vierbeiner ablaufen. Es gibt da ein paar Regeln, an die wir uns alle halten sollten.
Ist einer der Hunde angeleint, gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann wenn möglich seinen Hund auch frei lassen, sollte aber beobachten, ob der andere Hunde nicht kurzfristig angeleint wird. Je nach Situation ist es gut, sich nötigenfalls auf Distanz mit dem anderen Hundehalter über das Kreuzen zu einigen und zu warten was passiert. Macht der andere Hundehalter keine Anstalten, seinen angeleinten Hund abzuleinen - sei es weil dieser krank, ängstlich oder vielleicht läufig ist - so nehme man seinen frei laufenden Hund an die Leine. Sind beide Hunde angeleint, so kreuze man schnell und mache nötigenfalls einen Bogen, um die Distanz zwischen den Hunden zu vergrössern.

Hunde sind Stimmungsempfindlich

Verhaltensforscher haben nachgewiesen, dass unsere Stimmung sich auf den Hund übertagen kann. Dies haben wir sicherlich alle bereits einmal beobachten können. Haben wir schlechte Laune, so überträgt sich diese automatisch und unmittelbar auf unseren Hund – natürlich auch, weil wir in dieser Laune z.B. nicht mit ihm spielen wollen. Sind wir dagegen fröhlich und positiv eingestellt, so haben wir mit Sicherheit auch einen fröhlichen, unbeschwerten und aufmerksamen Hund. Denken wir daran, wenn wir mit dem Hund arbeiten. Meist beruhen Misserfolge nicht auf mangelnder Aufmerksamkeit des Hundes, sondern auf unserem eigenen negativen Verhalten!

Rauffereien unter Hunden

Kommt es zu einer Rauferei zwischen Hunden, geht man am am besten davon, ohne zu rennen und ruft seinen Hund ruhig, wie gewohnt zu sich. Nicht schreien, sich nicht einmischen, nicht wegrennen....! Ruhig überlegen und handeln (wenn es auch sehr schwierig ist) und im schlimmsten Fall die Nummer eures Tierarztes parat machen. Doch für uns Menschen sieht eine Rauferei immer schlimmer aus, als aus der Perspektive der beteiligten Hunde, denn Hunde kämpfen genetisch bedingt immer mit dem kleinstmöglichen Risiko. Fällt ein Hund regelmässig andere Hunde an, so ist er zu therapieren, mit Leinenzwang oder durch Tragen eines Maulkorbes zu disziplinieren, oder - im schlimmsten Fall - einzuschläfern. Dem fehlbaren Hundehalter sollte man anschliessend das Recht absprechen, sich wieder einen Hund anzuschaffen - denn einige Zweibeiner lernen nie, richtig mit Hunden umzugehen.

Hundekot-Aufnahmepflicht

Es sollte selbstverständlich sein, dass wir den Hundekot mit mitgebrachten Hundekot-Säcken aufnehmen und in einem Robidog (oder Ähnlichem) entsorgen. Wir sollten den Kot überall aufnehmen - nur im tiefen Wald können wir darauf verzichten.Auf die Strasse oder in den Wald geworfenen Hundekotsäcke lösen in unserer Gesellschaft übrigens den gleichen Effekt aus, wie liegen gelassener Hundekot. Wir sollten bedenken, dass diese Plastiksäcke, wenn überhaupt, dann sehr lange brauchen um zu verrotten.

Die Gesundheit des Hundes

Hunde können wie wir Menschen offensichtlich oder unbemerkt krank werden. Beobachten wir also sorgfältig und regelmässig unsere Hunde und scheuen uns nicht, im Zweifelsfall den Tierarzt aufzusuchen.
Auch im Training können für uns unsichtbare Schmerzen zu anormalem Verhalten des Hundes führen (z.B. Unlust, Aggression). Übergewichtige Hunde leben kürzer - also bewusst bewegungs- und altersabhängig füttern!
Denken wir auch an die regelmässigen Schutzimpfungen und an die Parasiten.

Allgemeine TRAININGSGRUNDLAGEN


Wir sind keine Hunde - Hunde keine Menschen.

  • Wir müssen lernen auf unseren vierbeinigen Freund einzugehen und ihn so nehmen wie er ist.


Wir beobachten das Verhalten - wir interpretieren nicht.

  • Jede Erklärung von uns ist menschlich gesehen - wir neigen dazu weiterzudenken, was Andere davon halten könnten. Aber der Hund macht etwas – Punkt.


Hände weg vom Hund! Berührungen lenken ab. Sie sind zuweilen aversive Reize. Der Hund mag nicht berührt werden außer bei Begrüßungen und  beim Schmusen (Fellpflege).

  • Wir haben es auch nicht gern, wenn uns der Chef  jedes Mal den Kopf tätschelt, wenn er an unserer Arbeit Freude hat!


Wir müssen uns ganz klar darüber sein, was wir bestärken wollen.

  • Es ist von Vorteil, wenn man im Voraus darüber nachdenkt, welche Situation man gleich üben oder festigen möchte. Dann klappt meistens auch das Timing zur Belohnung.


Durch Bestärkung im richtigen Moment kennzeichnen wir richtiges Ansatz-Verhalten.

  • Jedes gute Verhalten darf von uns bestätigt werden, so weiss der Hund immer dass er richtig handelt und wir dieses Verhalten wünschen.


Das exakte Timing ist der Knackpunkt!

  • Der Hund lernt unter Anderem assoziativ, das heisst er verknüpft Dinge miteinander, welche zum selben Zeitpunkt geschehen. Deshalb ist es wichtig den Hund für ein gutes Verhalten innert maximal 1 Sekunde zu loben, nur so kann er auch sein Handeln mit unserem Lob verbinden.


Muss es denn immer Futter sein als Bestärkung?

  • Nein, wenn wir unseren Hund lesen können, wissen wir meist genau, was er eigentlich gerade gerne machen möchte. Kann er dies auch tun nach einer Aufgabe, belohnt er sich selber. Schafft diese Möglichkeiten oder nutzt unverhoffte Situationen.


Große Fortschritte können mit Jackpot bestärkt werden.

  • Jackpot ist das Beste was es für den Hund gibt (individuell verschieden meistens aber fettige Wurst oder Käse, es kann aber auch ein Spiel oder sonst etwas sein).


Ob Jackpot oder nicht - allein die Häufigkeit einer Bestärkung entscheidet über das zuverlässige Auftreten des Verhaltens.

  • Je mehr Lob und Zufriedenheit von uns kommt, desto williger ist der Hund dieses Verhalten zu zeigen.


Ziel ist immer die positive Verstärkung!

  • Daher ist jedes Training so aufgebaut, dass der Hund es richtig machen kann. Hör- und Sichtzeichen verwenden wir prinzipiell nur, wenn Aussicht auf Erfolg besteht.


Die notwendigen Voraussetzungen bei jeder vom Hund verlangten Übung (auch im Alltag!) sind vorhandenes Vertrauen und Aufmerksamkeit!

  • Macht euren Hund freundlich darauf aufmerksam (Name!), dass Ihr etwas von ihm wollt.


Das Gegenteil von Belohnen ist (u.A.) Nicht-Belohnen!

  • Wenn Ihr mit der Ausführung einer Übung nicht zufrieden seid (z. B. verwechselt der Hund verschiedene Übungen, ist zu langsam etc.), folgt zwar keine Belohnung aber auch keinesfalls ein Strafwort. Es deutet vielmehr darauf hin, dass Ihr mit dem Training zu schnell vorgegangen seid. Macht es einfach, damit Ihr wieder mehr belohnen könnt.


Üben Sie immer nur kurz aber dafür häufig!

  • Die Konzentrationszeit eines (jungen) Hundes beschränkt sich auf wenige Sekunden bis Minuten. Hört auf, wenn es noch Spaß macht!
  • Achtung: Typische Konfliktreaktionen des Hundes (z. B. Gähnen, Kratzen, Wegschauen) zeigen euch deutlich, dass Ihr die Grenzen der möglichen Aufmerksamkeit weit überschritten haben. Euer Hund ist überfordert und gestresst. Verteilt daher kurze Übungseinheiten über den ganzen Tag. Wenn Ihr verschiedene Örtlichkeiten einbezieht, verbessert Ihr auch gleich die schwierige Generalisierung.


Wohlwollende Konsequenz ist wichtig!

  • Verfolgt euer Übungsziel freundlich und überzeugt. Alle von euch verwendeten Hör- und Sichtzeichen sollen für euren Hund eindeutige Signale (vgl. Lernen durch Verknüpfung) werden. Ihr solltet es immer nur 1x aussprechen / zeigen und dann eurem Hund genügend Zeit zur richtigen Ausführung geben.
  • Stellt sicher, dass sich alle Familienmitglieder an die Regeln der positiven Verstärkung halten. Nur so wird das erwünschte Verhalten auch beibehalten.


Und noch etwas braucht Ihr, wann immer Ihr mit Tieren oder Menschen arbeitet: Geduld, Geduld, Geduld und noch einmal Geduld!